Burgunder

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Badisches Burgunder-Wunder

Otto Geisel reist durch Deutschlands drittgrößtes Weinbaugebiet und nimmt die Besten der Besten unter die Lupe.

Wie das Elsass, die Champagne und das Loire-Tal zählt Baden mit seinen fast 16.000ha Rebfläche als einziges Gebiet in Deutschland zur Weinbauzone B der Europäischen Union, wo aufgrund des wärmeren Klimas ein höheres Mindestmostgewicht vorgeschrieben ist. Das Anbaugebiet erstreckt sich rund 400 Kilometer lang über abwechslungsreiche Landschaften mit sehr eigenständigen Geschmacks- und Genussprofilen. Wir machen uns auf zu drei dieser hervorragenden Weinbauregionen.

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Der Kraichgau – Creuch ist das keltische Wort für Lehm – wird begrenzt vom Odenwald im Norden, dem Schwarzwald im Süden und der rheinischen Tiefebene im Westen. Es ist eine wunderschöne, sanft hügelige Landschaft voller kulinarischer Überraschungen gepaart mit Ernsthaftigkeit, aber genauso viel Heiterkeit, die auch der Wein hier widerspiegelt. Im Kraichgau ist vor allem der Weißburgunder zuhause, der hier besonders elegante, herrlich süffige Weine hervorbringt. Nicht provinziell, sondern weltoffen-modern lautet die Devise, wie dies das inzwischen auf über 100ha angewachsene und ökologisch arbeitende Weingut Heitlinger & Burg Ravensburg eindrucksvoll dokumentiert. Die in Tiefenbach liegende Kellerei wurde rundum erneuert und erweitert, somit bieten sich allerbeste Voraussetzungen für einen absolut individuellen Ausbau der Einzellagen. Diese Vorlage des nur an höchster Qualität interessierten Besitzers Heinz Heiler ist für das eingespielte Team um Winzermeister Claus Burmeister Ansporn und Verpflichtung zugleich. Somit gelingt es von Jahr zu Jahr, das große Potential dieses besonderen Kraichgau Terroirs mit besonderem Schwerpunkt auf den weißen wie roten Burgundersorten auszuschöpfen, am besten nachzuvollziehen im gutseigenen Hotel und Restaurant, wo die gesamte große Weinpalette glasweise ausgeschenkt wird.

Ihringer Barriqueorchester
Ihringer Barriqueorchester

Zwischen Lahr und Freiburg erstreckt sich der Breisgau, wo nun durch Julian Huber bei Malterdingen die zisterziensische Weinkultur klug und umsichtig weiterentwickelt und in Vollendung praktiziert wird. Im Rückblick auf Vater Bernhard Hubers außerordentliches Wirken kann man nur bewundern, dass in diesem Ausnahmeweingut in lediglich einem Vierteljahrhundert etwas gelungen ist, wofür Burgunds berühmteste Domänen oftmals mehrere Generationen benötigten. Längstens schließt sich hier der Kreis zwischen Citeaux, der Côte d’Or und den Rebgärten rund um Malterdingen. Analog zum Wirken von Eckart Witzigmann kann man heute die Geschichte des deutschen Spätburgunders in vor und nach Bernhard Huber einteilen. Dies alles ist das natürliche Resultat von viel Liebe und Akribie beim behutsamen Umgang mit den Reben, also in allerbester Tradition der klugen Zisterziensermönche, die hier in Malterdingen den Grundstein für die heutige Burgunder Weinkultur legten.

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Joachim Heger

Am Kaiserstuhl hat sich von Gletschern fein geriebener Steinstaub aus dem Voralpengebiet abgelagert und eine fruchtbare Lössschicht entstehen lassen. Hier und auf Vulkanverwitterungsböden, begünstigt vom wärmsten Kleinklima Deutschlands, wachsen die meisten von Badens Spitzengewächsen, wie dies im Weingut Dr. Heger in Ihringen Jahr für Jahr mit einer atemberaubend großen wie großartigen Weinpalette eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird. Mit viel Weitsicht und Akribie wird dieser Vorzeigebetrieb in der dritten Generation von Silvia und Joachim Heger geführt, die hier bereits seit über 20 Jahren die Eigentümer sind. Heger und der Ihringer Winklerberg sind untrennbar miteinander verbunden. Diese berühmte Weinbergslage am Kaiserstuhl bietet ideale Bedingungen für den Weinbau und bringt regelmäßig Spitzenweine hervor. Nur selten gibt es Betriebe, wo die weißen Spitzenweine ebenso faszinieren wie die roten Gewächse mit beeindruckenden Großen Gewächsen aus den weißen Burgundersorten, allesamt cremig dicht mit klarer Kontur. Bei den Rotweinen begeistert die Phalanx der Großen Gewächse vom Spätburgunder, welche mit perfekt balancierter Struktur, großer Vielschichtigkeit und enormem Alterungspotential zu überzeugen und zu betören wissen. Der ‚primus inter pares’ ist hier der Grand Cru „Häusleboden“ aus seiner Paradelage Winklerberg.

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Die Geschichte der Familie Bercher lässt sich bis ins Jahr 1457 zurückverfolgen. Ursprünglich in der Schweiz ansässig, siedelte sich die Familie nach dem Dreißigjährigen Krieg am Kaiserstuhl an. Seit mehr als 300 Jahren ist das malerische Städtchen Burkheim Heimat der Berchers. Im Jahr 1756 erbaute Franz-Michael Bercher in der Mitte des idyllischen Weinortes am Westrand des Kaiserstuhls das Gutshaus, welches seither durchgehend im Familienbesitz und bis heute der Sitz des Bercher’schen Weinguts ist. Heute hat der junge Familienvater Arne Bercher den Fokus auf der Kellerarbeit und Martin Bercher ist für die Kultivierung der Reben verantwortlich. Gemeinsam leiten sie diesen renommierten Traditionsbetrieb nach dem Motto von Eckart Bercher: „Wein ist Arbeit, Wahrheit, Weisheit“. Mit viel Fingerspitzengefühl wurde in diesem prachtvollen Weingut im Herzen des idyllischen Burkheim das Erscheinungsbild der Weinflaschen samt Etiketten dezent hochwertig verändert. Auch verzichtet man hier inzwischen auf das Wörtchen ‚trocken’, da die klassischen Burgundersorten nahezu allesamt trocken ausgebaut werden. Die aktuelle Rotweinpalette besteht aus aufs feinste abgestuften Spätburgundern, durchgängig mit großer Tiefe, kraftvollem Ausdruck und gleichzeitig sehr verführerischer Eleganz. Welche Weine nun die „größeren“ und langlebigeren der letzten sehr guten Jahre werden, wird die Entwicklung in den nächsten Jahren, für welche alle Weine aufs Beste durch gekonnten Holzeinsatz gerüstet sind, zeigen. Sicher ist, dass die ganze Palette äußerst gelungen ist und dies eben auch mit dem ganz besonderen Etwas des Kaiserstuhls, welches hier besonders gut herausgearbeitet wird. Generell gilt: Die „Großen Gewächse“, egal ob weiß oder rot, sind allesamt eine echte Klasse für sich und gehören zum Besten, was Deutschland an Burgunderweinen zu bieten hat!

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Konrad Salwey

Konrad Salwey versteht sich als feinfühliger Weinbegleiter, der im Weinberg mit viel Umsicht absolut lagenbezogen arbeitet. Auch im Ausbau wird möglichst wenig interveniert, um somit den Lagencharakter noch besser zur Geltung zu bringen. Schon die Basisweine bereiten hier immer viel Trinkvergnügen, auch die Literware ist wirklich empfehlenswert. Beim Spätburgunder ist eine ganz eigene Stilistik zu erkennen, die sich wie ein roter Faden durch die Weine zieht, ohne die Lageneigenheiten von Henkenberg, Eichberg und Kirchberg zu verwischen. Die Großen Gewächse werden hier immer erst sehr spät gefüllt und in der Regel ein Jahr später als am Kaiserstuhl üblich präsentiert. Diese Vorgehensweise ist natürlich geprägt durch größtmögliche Ruhe und Bedacht, somit überzeugen diese wirklich großen Weine durchgängig mit feinster Textur, geschmacklicher Harmonie und überzeugender Balance. Kein Wunder also, dass vor allem aus dem benachbarten Frankreich und der Schweiz die Nachfrage für die vergleichsweise immer noch äußerst preiswerten Pinot Noirs nicht abreißt, ein echtes badisches Burgunder-Wunder.

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