Fleischersatz

Gourmet

Beyond Meat

Warum Fleischersatzprodukte äußerst bedenklich sind, schreibt Thomas Platt.

Es ist ja nicht so, dass Ersatzstoffe großes Ansehen genießen oder gar das Original überflügeln würden. Selbst ihr berühmtester Vertreter, die Margarine, konnte nach einem Aufschwung während der Cholesterinhysterie ihren Status nicht halten. Und vom Muckefuck redet sowieso keiner mehr. Viele kennen nicht einmal mehr den Namen des malzigen Getreidekaffees. Nun aber scheint es ein Substitut mit weitaus besseren Aussichten zu geben. Es handelt sich dabei allerdings nicht um das künstliche Ei („Beyond Egg“), auf das Bill Gates, berühmt für Fehlinvestitionen außerhalb seines angestammten Reviers, seit Jahren setzt, sondern um so etwas vergleichsweise Herkömmliches wie Tofu. Indem die ursprünglich aus Asien stammende Zutat antritt, Fleisch in vielen Mahlzeiten zu ersetzen (in China tut sie das übrigens nicht; dort gibt es eigenständige Tofugerichte, die gerne einmal mit Fleisch kombiniert werden), berührt sie zugleich einen wunden Punkt der menschlichen Nahrungsbeschaffung.

Credid - Win Sam Seafood & Butcher (in Victoria, AUS) - flickr.com

Gut kann es sein, dass wir nach dem „Risolier“ genannten Reissachkundigen bald den „Tofulier“ unter uns begrüßen können. Denn in der vegetarischen und veganen Bewegung, die in den letzten Jahren ziemlich in Schwung gekommen ist, spielt der Quark aus Sojabohnen eine zentrale Rolle. Angesichts seiner faden Art kann das eigentlich keine geschmacklichen Gründe haben, sondern liegt ausschließlich am hohen Proteingehalt der Hülsenfrucht. Er befindet sich im zweistelligen Prozentbereich und lässt die Gewinnung entsprechender Exzerpte aus Weizen („Seitan“), Reis oder Hafer wie verlorene Liebesmüh’ erscheinen. Allerdings verdankt sich die Entstehung eines emulgierten Filtrats wie des Tofu heute einer Vorgehensweise, der seine die sogenannte natürliche Ernährung propagierenden Verfechter gerne aus dem Weg gehen würden, offiziell zumindest: der industriellen Prozessierung.

Wer es recht bedenkt, entdeckt hinter dem offenkundigen Widerspruch eine erstaunliche Konsequenz. Denn der Vegetarismus ist als spezifische Ausdrucksform der Stadt misstrauisch gegenüber den Vorgängen auf dem Land. Was die Umstände der modernen Tierhaltung und Schlachtung betrifft, so ist sein Ekel in weiten Teilen durchaus verständlich. Aber Vegetarier fallen nicht gerade häufig als erklärte Tierfreunde auf. Ihnen scheint es eher darum zu gehen, dass die Tiere sowie das Land, auf dem sie leben, ganz abwesend sind, gleichsam ausgeblendet aus einer Daseinsform, die sich ganz auf das Menschliche konzentriert. Viele von ihnen interpretieren sogar jede Interaktion von Tier und Mensch als Ausbeutung und fordern ein klar abgetrenntes Nebeneinander. Aus vielen Gründen also möchten Vegetarier (und erst recht die Veganer) dem Schmutz, der Unberechenbarkeit und den Widerwärtigkeiten nicht nur der Mastbetriebe, sondern des gesamten Landes ganz den Rücken kehren und Lebensmittel angeboten bekommen, die unbelastet von jedwedem Tierischen, ethisch einwandfrei sind – und nach städtischen Regeln hergestellt werden.

Diese Einstellung, die die meisten Vegetarier vermutlich zurückweisen würden, macht sie empfänglich für synthetische Produkte wie die auf Sojamehl und anderen Proteinkonzentraten basierenden, zumal sie die für vegetarische Ernährung typische Eiweißlücke zu schließen helfen. Ebenso typisch dürfte die eigentümliche Trauer sein, die Verzicht und Selbstkasteiung zu begleiten pflegt. Um sie zu mindern, existieren Kühlregale in Biomärkten, die auf den ersten Blick aussehen wie Fleischereiauslagen. Tatsächlich sind sie mit ziemlich echt wirkenden Nachahmungen von Wurstsorten aus pflanzlichen Stoffen gefüllt. Der Außenstehende leidet mit, wenn er sieht, zu welchen Gaukeleien und Selbstüberlistungen die Mangelerscheinungslebensweise führt. Vegane Hähnchen mit einer speziellen Glasur als Haut und Holzstückchen als Knochen besitzen eben bloß die zweifelhafte Anziehungskraft weltanschaulicher Traktate.

Dass namentlich Soja in gigantischen Monokulturen angebaut wird und Isoflavone enthält, deren Wirkung im menschlichen Organismus dem des Östrogen nahekommen kann und die im Ruf stehen, die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen, fällt in einem solchen Szenario rasch unter den Tisch. Eine mächtige Lobby, die durchaus ein politisches Risiko darstellt, leistet ganze Arbeit, um die letzten Bedenken zu zerstreuen. Bedenklich ist auch, dass die vegetarische Bewegung wie zuvor die ökologische einen moralischen Konformitätsdruck entwickelt, der sich auf Kosten von Individualität und Selbstbestimmung breit macht.

Dennoch: Die vegetarische Bewegung ist alt, um nicht zu sagen ehrwürdig. Lange vor Trend und Mode hat es nämlich immer Menschen gegeben, die einfach keine toten Lebewesen essen wollten, Tiere, die Augen hatten, um zu sehen, und ein Herz, um zu verstehen. Gesundheits- und Biogedanken spielen bei solchen Fleischverweigerern eine untergeordnete Rolle. Am Ende stellt sich kaum noch die Frage, warum sie sich dafür an Lebewesen halten, die nicht weglaufen können. Denn ein Ersatz für den Ersatz ist nicht in Sicht.

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