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Chardonnay: die vielseitigste Rebsorte der Welt

Ein Essay zum 25-jährigen Jubiläum ihrer „Zulassung“ in Deutschland von Otto Geisel.

Die geschmackliche Vielfalt dieser edlen Rebe ist so groß wie die Anzahl ihrer Synonyme, insofern ist auch die von der nordamerikanischen Weinkritik lange Jahre geprägte Generalverurteilung, knapp auf „ABC“ – anything but Chardonnay – reduziert, so vermessen wie einfältig ignorant. Das geschmackliche Erlebnisspektrum reicht bei diesem Spross aus der Burgunderfamilie (Pinot X Gouais Blanc) von staubtrocken, säurebetont und grasig-grün über zart schmelzend, buttrig, nussig und rauchig bis hin zu vielschichtig süß und elegant.

Kellerei Girlan
Kellerei Girlan

Die geographische Verbreitung dieser, auf über 170.000 Hektar, am häufigsten angebauten Weißwein-Rebsorte der Welt – und damit dreimal mehr als der Riesling – neigt eher zur Omnipräsenz an den Orten weltweit an denen Weinanbau möglich ist, als die ihres roten Alter Egos, dem Pinot Noir, der bevorzugt in den eher kühleren Klimazonen der Weinwelt auftaucht. Auch der Chardonnay allerdings läuft im „cool climate“ zu absoluten Spitzenleistungen auf, wie er in der Champagne mit seinem kräftigen Säuregerüst in den besten Cuvées, aber auch als „Blanc de Blancs“-Solist eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Nebenbei sei hier bemerkt, dass von den insgesamt 17 als „Grand Cru“ klassifizierten Lagen nur das „Clos des Goisses“ eine reine Südexposition aufweist und man in der ganzen Champagne auf Säure als Rückgrat des Weines setzt, sowohl hinsichtlich der Lagerfähigkeit als aber natürlich auch wegen seinem geschmacklichen Entwicklungspotential.

Weingut Haidle
Weingut Haidle

Überhaupt bietet diese geheimnisvolle Rebsorte den allergrößten Interpretationsspielraum für natürliche Gegebenheiten, wie die ganz spezielle Bodenbeschaffenheit – er liebt den Kalk – und das Kleinklima, also zusammengefasst für die Lage, besser noch für das jeweilige Gewann und natürlich für die ganz spezielle und individuelle Handschrift des Winzers. So ist es beispielsweise ein riesiges Vergnügen die unterschiedlichen Stile der beiden Chablis-Spitzenerzeuger Raveneau und Dauvissat nebeneinander zu probieren. Besticht der erstere bereits mit jugendlicher Eleganz und Fülle, beginnen die anfänglich eher karg, dumpf und unzugänglich wirkenden Crus des zweitgenannten erst nach etlichen Jahren der Reife zu imponieren und landen dann nicht selten sogar auf der Überholspur. Ähnliches ist an der Côte de Beaune rund um die kleine Gemeinde Puligny-Montrachet zu erleben, wo der Südtiroler Gerhard Kofler, der wahrscheinlich beste Pinot Noir-Interpret Italiens, geradezu süchtig nach den jungen „Bâtard-Montrachets“ von Etienne Sauzet werden könnte. Und wo Laurent Vialette, der neue Präsident der „Grand Jury du Vin“ aus Frankreich, erst bei mindestens 20 Jahre gereiften, auch bei vermeintlich ,schwachen Jahrgängen‘, wie einem 1992er „Les Pucelles“ der Domaine Leflaive ins Schwärmen gerät.

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Haidle Weinberge

Eckart Witzigmann sieht natürlich, als vielschichtig angelegter Genussexperte, das mit der Gelassenheit der langjährigen Erfahrungen nicht ganz so streng, denn in einer weltoffenen Küche hat sowohl die belebende Frische und jugendliche Eleganz – nicht nur beim Champagner – seinen Stellenwert als auch die reife Vielschichtigkeit und Grandezza eines Chardonnays – jetzt aber am liebsten in Form eines Champagners – aus den 80er-Jahren. Nicht umsonst überschlagen sich die Bieter bei Weinauktionen, wenn es um rare Jahrgangsfläschchen eines „Clos du Mesnil“, der berühmten „Blanc de Blancs“-Einzellage aus dem Hause Krug, geht.

Aber die Ausnahme-Rebsorte Chardonnay trägt nicht nur zum geschmackvollen „Grand Prestige de la France“ bei, obwohl sie natürlich die besonders kalkhaltigen Böden der Grande Nation besonders liebt, sondern auch in Deutschland – vor allem im kulinarisch verwöhnten Südwesten – weiß man die hier noch relativ junge Rebsorte, weil erst 1991 offiziell als Qualitätswein-Rebsorte zugelassen, mehr und mehr zu schätzen. Auch wenn es diese alte Kulturpflanze – eine sehr wahrscheinlich aus einem Mischsatz natürlich hervorgegangene Kreuzung aus burgundischem Pinot und von den Römern mitgebrachtem Gouais Blanc – hier in Deutschland auf noch nicht einmal 2 Prozent der gesamten Rebfläche bringt, dies allerdings mit steigender Tendenz!

Weingut Schneider
Weingut Schneider

Bereits Mitte der 90er-Jahre überzeugte der württembergische Chardonnay-Pionier Ernst Dautel aus Bönnigheim mit seinen zartaromatischen, aber durchaus kraftvollen Gewächsen. Auf noch mehr Kraft und Mut zum deutlich spürbaren Barrique-Ausbau setzt aktuell die Remstäler Winzerfamilie Hans Haidle in Kernen und schießt damit bei vielen Blindverkostungen (fast) jeden Vogel ab! Nicht zuletzt aber wusste bereits der unvergessene Bernhard Huber aus Malterdingen sowohl mit seinen Gewächsen vom Schloßberg als auch mit einem legendären „Corton-Charlemagne“ von Bonneau du Martray aus dem Vorbildland Burgund zu begeistern. Auch neuere Weingüter, wie das ökologisch bewirtschaftete VDP Weingut Heitlinger im nordbadischen Kraichgau überrascht und überzeugt unter der Ägide von Claus Burmeister mit einer neuangelegten Chardonnay-Anlage bereits jetzt ausgebuffte Wein-Experten wie Laurent Vialette. Im südlichen Teil Badens, rund um den Kaiserstuhl, haben die Top-Erzeuger wie Joachim Heger, Arne Bercher, Fritz Keller und Josef Michel dieses Potential längst erkannt und heben diesen großen Schatz von Jahr zu Jahr mit immer mehr Freude und deutlich gewachsenem Selbstbewusstsein.

Selbst im Gutedel beflügelten Markgräfler Land sind die durch und durch von Burgund beseelten Brüder Fritz und Martin Waßmer in der Spitze der internationalen Chardonnay-Produzenten angekommen. Auch Hanspeter Ziereisen ist gerade dabei, mit seiner durch lange Holzfasslagerung geprägten Weißwein-Stilistik, die New Yorker Spitzengastronomie zu erobern. Und auch die besten Gewächse vom kalkgeprägten Weiler Schlipf der Winzerfamilie Schneider, aus Weil am Rhein, erfreuen inzwischen die Gäste des legendären Londoner Hotels Savoy.

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