Drinks

Die Poesie der Cocktails

Atalay Aktas, einer der besten Bartender Deutschlands, kreiert hinter seiner Bar nicht nur Cocktails, sondern auch die passenden Geschichten dazu. Einige davon hat er Vera Kostial erzählt.

Die Vorliebe für gute Drinks scheint auf geheimnisvolle Art und Weise verbunden mit der Leidenschaft für das Schreiben von Geschichten. Man denke nur an Ernest Hemingway – mindestens ebenso bekannt wie für „Der alte Mann und das Meer“ ist der Literaturnobelpreisträger und Weltenbummler für seine Begeisterung für Mojito und Daiquiri, und nicht zuletzt damit hat er sich in seiner Wahlheimat Kuba ein Denkmal gesetzt. „My mojito in La Bodeguita, my daiquiri in El Floridita“ – dieses handschriftliche Statement Hemingways ist heute noch an der Wand der Bodeguita del Medio in Havanna zu lesen. Und auch in der Bar El Floridita ist Hemingway verewigt, denn dort sitzt an der Theke eine lebensgroße Bronzestatue des Schriftstellers und Daiquiri-Aficionados. So bekommt Hemingway auch heute noch jeden Tag einen seiner liebsten Drinks serviert – natürlich in der speziellen Hemingway-Variante als „Papa Doble“ ohne Zucker.

Dass die Verbindung der zwei Leidenschaften Literatur und Cocktails eigentlich naheliegend ist, das beweist Atalay Aktas, 2013 zum Besten Bartender Deutschlands gekürt. Denn wenn er hinter dem Tresen steht, mixt er nicht nur außergewöhnliche und hochklassige Cocktails, sondern verbindet deren Präsentation auch gerne mit einem Gedicht oder einer passenden Geschichte. „Schreiben war schon während der Schule mein Hobby“, erzählt er, „Gedichte schreiben, Kurzgeschichten schreiben oder auch Sachen erfinden, die auf Drinks passen.“ Bei ihm funktioniert die Sache mit dem Schreiben allerdings genau andersherum als bei Hemingway. „Er hat die Dinge vielmehr aus der Perspektive des Gastes beschrieben. Bei mir ist es umgekehrt, bei mir sind es die Eindrücke, die ich sammle, wenn ich hinter dem Tresen stehe, von den Menschen, die davorsitzen.“

„Ein Drink sagt sehr viel über einen Menschen aus, wenn nicht sogar fast alles.“

Genau diese Eindrücke führen dazu, dass man als Barkeeper auch ein sehr guter Menschenkenner wird. Eine Eigenschaft, die Atalay Aktas besonders am Herzen liegt, denn für ihn ist es die Aufgabe eines Barkeepers Menschen miteinander zu verbinden, mit den Gästen an der Bar zu lachen, zu weinen und eigentlich zu ihrem besten Freund zu werden. Gute Menschenkenntnis ist vor allem wichtig, wenn man einmal das Konzept von Aktas‘ Bar betrachtet. Die Schwarze Traube, die er zusammen mit Yalcin Celik im Juli 2012 in der Berliner Wrangelstraße eröffnet hat, präsentiert sich ganz bewusst ohne Cocktailkarte. Die Drinks werden stattdessen ausschließlich nach Belieben des Gastes kreiert. „Wir spielen ein bisschen“, erklärt Aktas, „je nachdem worauf die Gäste Lust haben, kombinieren wir die bestimmten Geschmäcker, die sie gern haben, sei es beispielsweise, dass sie Fans von Kräutern wie Basilikum oder Ingwer oder Rosmarin, Thymian sind und dann als Spirituose gerne Gin-Cocktails trinken, dann kombinieren wir ihnen diese Geschichten, sodass zum Schluss etwas herauskommt, was eine kleine persönliche Note des Barkeepers und eine persönliche Note des Gastes hat.“ Definitiv ist ein Cocktail also ein äußerst persönliches Getränk. „Ein Drink sagt sehr viel über einen Menschen aus, wenn nicht sogar fast alles“, ist Aktas überzeugt.

Die Schwarze Traube

So unterschiedlich die Gäste, so unterschiedlich die Drinks, die hinter dem Tresen der Schwarzen Traube gezaubert werden. Und natürlich gibt es auch für jede Jahreszeit Drinks, die besonders passend sind. Denn wer bei Cocktails nur an Sonne, Strand und Meer denkt, liegt eindeutig falsch. „Ich bin definitiv der Meinung, dass gerade im Winter, vor allen Dingen um das Immunsystem zu stärken, wenn man mal in die Geschichte guckt, Alkohol, Drinks beziehungsweise Mixturen und Tinkturen eine sehr große Rolle spielen. Das zieht sich von den Brauern bis hin zu den Spirituosenherstellern komplett durch die ganze Welt, und alles, was es sommerlich gibt, gibt es auch winterlich.“ Besonders beliebt in winterlichen Drinks sind starke Aromen von Zimt, Pflaume und Ingwer, und die kommen dann zum Beispiel in Hot Buttered Rums zum Einsatz. „Wenn du einen Pflaumenwein nimmst, den mit Rum versetzt und Apfelsaft zusammen, das im Wasserkocher aufkochst und darüber dann einen Löffel Butter kriechen lässt, dann ist das etwas, was du trinken kannst. Oder Whisky Hot Toddies, einfach Whisky mit einer Zimtstange, Zitrone und darauf heißes Wasser gegossen. Grogs, Rum im schwarzen Tee, frischer Ingwer mit Rum, ein Ingwertee mit indischem Rum drin, Chai-Tee mit Rum drin, das sind alles Sachen, die du im Winter machen kannst.“

„Wenn man mich fragt, wo ich mich am wohlsten fühle, dann ist es einfach hinter dem Tresen.“

Wenn man Atalay Aktas so zuhört, wie er Vorschlag um Vorschlag für leckere Drinks aus dem Ärmel schüttelt, wird ziemlich schnell klar, dass man nicht erst nach Kuba reisen muss, sondern einen großartigen Cocktail auch im winterlichen Berlin findet – immer mit einer passenden Geschichte natürlich, und kreiert von einem Barkeeper, für den das Mixen schlichtweg Berufung ist. „Ich habe jetzt das gefunden, was ich schon immer machen wollte, und ich glaube ich fühle mich auch so ein bisschen geboren dazu. Wenn man mich fragt, wo ich mich am wohlsten fühle, dann ist es einfach hinter dem Tresen.“

 

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