Christian Rothhardt

Drinks Reise

Malbec, Torrontes und das Reisefieber

Argentinische Weine erleben eine Blüte an Popularität. Weinexperte Christian Rothhardt reist nach Argentinien und berichtet von einem Land, wo Genuss und Lebensfreude nicht voneinander wegzudenken sind.

Auf einer Fläche von mehr als 2.600.000km2 präsentiert sich Argentinien in der Fülle und Vielfalt eines ganzen Kontinents. Von den eleganten Alleen, Tangosälen, Cafés und Boutiquen in Buenos Aires zieht sich Argentinien über tausende Kilometer flacher Pampa hin zu den geschwungenen Sierras von Córdoba und dem Weingebiet Mendoza, bevor es in die Anden emporsteigt hin zur Grenze mit Chile. Im Norden verwandeln sich Kaktuswälder und Mondlandschaften in subtropischen Dschungel, Feuchtgebiete und Wasserfälle. Im Süden liegt Patagonien, eines der größten unberührten Wildnisgebiete der Welt, wo sich schneebedeckte Bergspitzen um kristallklare Seen ranken und gewaltige Gletscher die windgepeitschten Steppen der Tierra del Fuego überragen.

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Mendoza zieht sich östlich über die Vorlandhügel der Anden und macht das Herzstück der argentinischen Weinproduktion aus. Ausgehend von den Parks und Plätzen der Provinzhauptstadt streckt sich das weitschweifige Weingebiet über Einöden, Flüsse und Lagunen bis hin zum imposanten Cerro Aconcagua, dem höchsten Gipfel Nord-, Mittel- und Südamerikas.

Die größte Erfolgsgeschichte ist Argentiniens Markenzeichentraube Malbec, doch auch andere Sorten gedeihen prächtig, so Torrontes, Bonarda, Cabernet Sauvignon, Syrah und Chardonnay. Malbec ist eine rote Rebsorte, die ursprünglich aus Frankreich stammt. Die Rebe braucht viel Sonne und produziert einen sehr starken Wein mit einem Alkoholgehalt von 14%. Vor dem Trinken dieses Rotweins wird Dekantieren wärmstens empfohlen, denn wegen seines hohen Alkoholgehalts muss dieser Wein ausreichend atmen. Es hat keinen Effekt, die Flasche einfach nur zu entkorken. Wenn kein Dekanter vorhanden ist, kann auch eine Wasserkaraffe verwendet werden. Wichtig ist, dass der Wein atmen kann, weil sich sonst der Geschmack nicht richtig entfaltet.

Relevamiento vitivinícola zona Norte Wines of Argentina

Torrontes ist ein Weißwein aus Salta, ein Weingebiet, welches auf 1.750m Seehöhe liegt. Da es so weit im Nordwesten des Landes gelegen ist, befindet sich die Region dementsprechend nahe am Äquator. Die Höhe spielt daher eine wichtige Rolle. Weiter unten im Tal würde es der Rebe definitiv zu warm sein. Doch im Umfeld von Salta bekommt die Pflanze einen maximalen Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. Tagsüber hat es dort 40°C und nachts sinkt die Temperatur auf 20°C, wobei sich die Rebe gut erholen kann. Dieser Temperaturunterschied hat zwei Folgen: einerseits bleibt der Säuregehalt relativ hoch, andererseits bekommt die Traube eine umso dickere Haut, und in der Haut stecken, wie so oft, die wichtigen Aromastoffe. Aus diesem Grund ist der Torrontes aus Mendoza nicht so spannend, weil die Rahmenbedingungen nicht so perfekt zusammenstimmen wie in Salta.

In Argentinien gibt es an gut 330 Tagen im Jahr Sonne mit leichtem Wind und Schmelzwasser aus den Anden. Die meisten Kleinbetriebe produzieren organischen Wein. Der Vorteil dieser organischen Produktion ist, dass kein Sulfat an den Reben benutzt wird. Nur ganz am Ende wird ein wenig Sulfat zugesetzt, um den Wein zu konservieren. Je kleiner der Produzent, umso sauberer kann man im Weingut arbeiten und umso weniger Sulfat muss man am Ende hinzugeben. Denn Sulfat, so weiß der Weinkenner, ist jene Substanz, die am Ende des Abends Kopfschmerzen bereitet. Bei großen Weingebieten wird für die Massenproduktion Sulfat bereits in der Rebe benutzt und dann auch später viel Sulfat zugesetzt. Das erklärt, warum billiger Wein schneller zu Kopfschmerzen führt!

Wenn die Trauben gepflückt sind und in die Kellerei kommen, werden die Beeren von den Stielen getrennt und nur ganz leicht angedrückt. Somit befinden sich am Anfang im Tank ein Drittel Saft und zwei Drittel Trauben. Alle zwei Tage wird die Masse durchgepumpt, wobei die Trauben durch den Saft gezogen werden. Auf diese Weise gewinnt man mehr und mehr Saft aus den Trauben und gleichzeitig entwickelt sich die Farbe und der Geschmack des Weins. Es folgt die Fermentation und am Ende befinden sich im Tank zwei Drittel Saft und ein Drittel Trauben. Die sogenannten Boutiqueweine benutzen nur diese zwei Drittel Saft. Danach können die Trauben noch einmal gepresst werden. Der dabei gewonnene Saft wird als Landwein für den Sekundärmarkt vertrieben. Dieser Presswein hat einen sehr hohen Tanningehalt und wenig Geschmack, wohingegen der freilaufende Wein der ersten Pressung den Premiumwein bildet.

Vineyards at Las Compuertas, Luján de Cuyo, Mendoza.

Argentinien, der weltweit fünftgrößte Weinproduzent und auch der fünftgrößte Weinkonsument, exportiert seine Weine erst seit etwas über 10 Jahren. Bis dahin haben die Argentinier ihre Weine einfach selbst getrunken, doch im Jahr 2000 gab es eine massive Währungsabwertung. Die Verlinkung des Peso zum Dollar wurde aufgehoben. Um zu überleben, mussten die Produzenten anfangen zu exportieren.

Zur gleichen Zeit war es außerdem sehr billig für Ausländer Land zu kaufen und mit anspruchsvoller Technologie, Know-How und den nötigen finanziellen Mitteln ein Weingut zu etablieren. Viele Weingüter gibt es somit erst seit 2000-2002. Nach und nach fingen die Weinproduzenten an, Wein als Exportgut zu sehen. Doch fern der großen Städte, am Land und abseits der Weinregion, ist kaum Qualitätswein zu finden. Dort gibt es den Landwein, ähnlich dem Lambrusco, der in 4,5 Liter Flaschen gelagert wird.

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Malbec ist eine Traube, die gerne zu Steak empfohlen wird, hauptsächlich darum, weil sie relativ fruchtgetrieben ist und sich die Säure großartig mit den Proteinen in Fleischprodukten verträgt. Wer nun also Lust auf Steak bekommen hat, sollte das mit Abstand beste Steakhouse (Parrilla) von Buenos Aires aufsuchen: La Cabrera, im anspruchsvollen Boutique- und Barviertel Palermo gelegen. Hier wird Fleisch einfach, aber richtiggehend emotional zubereitet. Das Rindfleisch wird aus bester Quelle bezogen und mit Sorgfalt gegrillt, um den besten Geschmack von Argentiniens berühmten, mit Gras gefütterten Rindern zu entfalten. Hervorragend sind auch die Vorspeiseteller – nicht entgehen lassen darf man sich Provoleta de Queso de Cabra (gegrillter Ziegenkäse) und die Chinchulines de Cordero (kleine Lamminnereien). Auch die Beilagen sind ein Gaumenschmaus: Wachtelei-Kartoffelsalat, pürierter Kürbis, in Tomaten marinierte Pinto Bohnen und ein unübertreffliches Kartoffelgratin.

Für Lamm und alle anderen roten Fleischgerichte wird ein Syrah empfohlen.

Zum weißen Torrontes passt besonders gut Fisch, aber vor allem auch thailändische und andere asiatische Gerichte. Wohingegen französische Weißweine bei asiatischem Essen oft gar nicht passen, ist ein Torrontes umso schmackhafter.

Für eine besonders außergewöhnliche kulinarische Erfahrung sucht man am besten das Kultrestaurant Tegui in Buenos Aires auf. Wenn man einmal durch den mit Grafitti bemalten Eingang ins Lokal kommt, ist der erste Eindruck wie weggeblasen. Die elegante Bar mit weichen Sofas und einem beeindruckenden Blick in die Küche macht das Erlebnis unvergesslich. Auch Küchenchef German Martitegui spielt mit dem Wahrnehmungsvermögen der Gäste, indem er immer wieder seinen Küchenstil ändert, was ihm einen geheimnisvollen Charakter verleiht. Ist er auf der europäischen Schiene, so kann man von ihm sorgfältig kreierte Gerichte erwarten, die sich hauptsächlich um Textur, Aroma und Geschmack drehen, wie Burrata mit Erdbeeren, Basilikum, Balsamico Essig und Pistazien oder Königskrabben in Kokosnusscreme und Mango mit Osso Bucco und karamellisierten Äpfeln. Die Sommeliers sind stets bemüht für jedes Gericht einen perfekt passenden Wein zu empfehlen.

In Buenos Aires wohnt man hervorragend im Alvear Palace (Grand Dame), ein wahrer Palast, umgeben von Restaurants, Antikläden, Boutiquen und Sehenswürdigkeiten, dessen Geschichte sich im Prunk eines jeden Zimmers widerspiegelt; oder im Legado Mitico, ein Boutiquehotel mit Charakter, gelegen mitten im angesagten Palermo.

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Wer in Buenos Aires Halt macht, darf keinesfalls eine Tangoshow im Esquina Carlos Gardel missen. Wenn das Licht im historischen Ballsaal gedimmt wird, die Beine von 12 Tänzern zu tanzen anfangen, die sinnlichen Klänge zweier Sänger und des Orchesters ans Ohr dringen, ist man so richtig in Argentinien angekommen. Jede Nacht taucht man hier in die verführerische Sinnlichkeit des Tangos ein.

Auch ein Ballettbesuch im Colon Theater ist wärmstens zu empfehlen, sowie das Nationalmuseum für dekorative Kunst.

Am besten lernt man jedoch die Stadt mit einem privaten Tour Guide kennen. Eine gute Anlaufstelle ist die Website www.plansouthamerica.com, über die man Zugang zu privaten Kunstkollektionen erhalten kann, die man sonst nie zu Gesicht bekommen würde.

Die beste Reisezeit reicht von September bis Mitte Mai, danach beginnt in Argentinien der Winter. Der Januar ist jedoch zu vermeiden, da zu dieser Zeit die Argentinier selbst in ihrem eigenen Land Urlaub machen und somit alles relativ überlaufen und teuer ist.

Argentinien, ein großartiges Land für Weinliebhaber, Gourmets, Unternehmungslustige und Kulturenthusiasten erwartet Sie! ν

Über den Autor: Christian Rothhardt ist Europas erster Anbieter von ausgesuchten argentinischen Boutiqueweinen, die alle aus kleinen und unabhängigen Bodegas entlang der legendären Straße Ruta 40 liegen. www.ruta40.com

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