Fischfang

Gourmet

Schwimmende Zeitbomben?

Wer weiterhin Fisch aus nachhaltiger Fischerei genießen will, sollte sich angemessen informieren, wie es um den Fischfang tatsächlich steht.  Eva-Luise Schwarz berichtet.

Fisch gilt für Milliarden von Menschen als wichtige Nahrungsquelle. Der globale Fischfang ist außerdem ein bedeutender Wirtschaftszweig, der Arbeit und Einkommen für Millionen Menschen sichert. Doch die Grundlage der Fischerei ist gefährdet: Verschiedene Fischbestände gelten als überfischt. Ist es bald vorbei mit dem Fischgenuss? Und was wird unternommen, um dem entgegenzuwirken?

hering
Hering

In ihrem Bericht über den Zustand der weltweiten Fischerei beurteilt die Welternährungsorganisation FAO die Situation folgendermaßen: Rund ein Drittel (30%) der weltweiten Fischbestände sind überfischt, mit steigender Tendenz.

Mehr als die Hälfte (57%) aller Fischbestände wird maximal befischt. Spielraum, um Fangquoten zu steigern, bieten derzeit nur noch knapp 13% der weltweiten Bestände – eine historisch niedrige Zahl. Diese Bestände werden bislang kaum oder nur mäßig befischt. Die FAO sieht in dieser Entwicklung „Anlass zur Besorgnis“. In ihrem Bericht „The State of World Fisheries and Aquaculture 2012“ identifiziert die Welternährungsorganisation aber auch ermutigende Entwicklungen. So sei es dank gezielter Anstrengungen in einer ganzen Reihe von Fällen gelungen, die Befischung zu reduzieren, was zu einer Erholung der Bestände geführt habe.

Dorsch aus der Ostsee

Dr. Matthias Keller, Geschäftsführer des Fisch-Informationszentrums, sagt, dass die Fischbestandszahlen oft falsch gelesen werden. Eine maximale Nutzung ist keineswegs negativ zu sehen, sondern sei generell das Ziel, denn „maximale Nutzung ist der Anspruch nach dem höchstmöglichen nachhaltigen Dauerertrag, der aus einem Bestand zu ernten ist.“ Außerdem weist Keller darauf hin, dass im Nordostatlantik ganze 13 verschiedene Kabeljaubestände zu finden sind und mindestens 14 verschiedene Heringbestände. „Jeder Bestand entwickelt sich unabhängig, so dass nicht einfach nur von ‚dem Kabeljau’ oder ‚dem Hering’ gesprochen werden kann, sondern immer der einzelne Bestand betrachtet werden muss.“

Verallgemeinerungen sind also in der Diskussion um Fischbestände wenig hilfreich.

Dorsch/Kabeljau
Dorsch/Kabeljau

Wo liegt nun also das Problem der heutigen Fischbestände? Die Maßnahmen, um eine schnelle Erholung überfischter Bestände zu ermöglichen, sind leider oft zu zögerlich und die Strafen bei Verstößen zu gering sowie die Regeln insgesamt zu kompliziert.

Ein wesentliches Problem in vielen Fischereien sind Rückwürfe, die in EU-Gewässern nicht einmal auf die Fangquote angerechnet werden müssen. Da der meiste in Deutschland verzehrte Fisch aus dem Ausland kommt, sollte sichergestellt werden, dass es auch dort ein gutes Management gibt, insbesondere in Gewässern, in denen deutsche Flotten unterwegs sind.

Soviel zu den Herausforderungen, denen sich die EU noch stellen muss.

Allein in Deutschland haben wir über 750 Arten an Fischen, Krebsen und Weichtieren, die wir verspeisen dürfen, darunter auch viele, die aus dem Ausland angeliefert werden. Obwohl gefrorener Fisch durchaus seine Vorteile hat, wäre es doch naheliegend, Gäste mit Fischen zu bewirten, die vor der Haustüre schwimmen; eine Art Rückbesinnung auf die regionalen Fischarten wie z.B. Ostseeschnäpel. Doch allzu oft passiert es, dass man etwa am Bodensee Pangasius serviert bekommt. Ein vietnamesischer Fisch am Bodensee? Das kann mehrere Gründe haben. Fisch aus Asien zu importieren klingt vielleicht etwas weit hergeholt – im wahrsten Sinne des Wortes –, aber es kann preiswerter sein, Pangasius aus Vietnam zu importieren, wo er in hygienischem Umfeld vorbereitet, entgrätet, verpackt und eingefroren wurde. Köche können sich dann kurz vor dem Zeitpunkt des Verzehrs an die Tiefkühltruhe machen und so viel auftauen, wie eben bestellt wurde. Diese Frage der Kalkulation muss sehr wohl berücksichtigt werden. Außerdem isst auch das Auge mit: einen regionalen Dorsch kann man eben nicht so gut auf den Teller packen wie eine hübsche Dorade (Goldbrasse). Wenn einem Restaurant wirklich daran liegt, frische Ware vom Kutter zu bekommen, muss ein guter Draht zu einer Genossenschaft an der Küste entwickelt werden. Fischarten wie Kabeljau/Dorsch, Scholle, Flunder oder Steinbutt sollten auf diese Weise problemlos zu erstehen sein, werden jedoch teurer sein als tiefgefrorene Ware. Außerdem kann es passieren, dass ein Fischer kein Fangglück hat – vielleicht wegen schlechten Wetters – und es deshalb Sinn macht, ein zweites Standbein zu haben.

Fischsortierung

 

Letztlich liegt es am Gast, nach regionalem Fisch zu verlangen und stets zu hinterfragen, warum an der Nord- und Ostsee oder neben Binnengewässern nur gefrorener Fisch serviert und die heimische Fischerei nicht unterstützt wird.

Für den Verbraucher wird die Erkennung nachhaltiger Fischerei heutzutage recht einfach gemacht. Zum Beispiel signalisiert das blaue Siegel der MSC (kurz für Marine Stewardship Council) dem umweltbewussten Käufer auf einfache und vertrauenswürdige Weise: Dieser Fisch stammt nachweislich aus einer nachhaltig arbeitenden und verantwortlich geführten Fischerei. Was das genau bedeutet, erklärt Marnie Bammert, Leiterin des deutschsprachigen MSC-Büros: „Unser Ziel ist der Erhalt der Fischbestände bei gleichzeitiger Nutzung durch die Fischerei. Dabei sprechen wir uns nicht grundsätzlich gegen bestimmte Fischereitypen aus. Vielmehr bewerten unabhängige Prüfer die konkreten Auswirkungen einzelner Fischereibetriebe auf die Bestände und die Lebensräume im Meer und bewerten das Management der Fischerei.“ Der MSC treibt somit diverse Änderungen im Management von Fischereien voran und setzt Impulse für Verbesserungen. Fischereien müssen gezielte Maßnahmen entwickeln und umsetzen, um nach erfolgter Zertifizierung weiterhin das MSC-Siegel tragen zu dürfen.

Pangasius
Pangasius

 

Das MSC-Programm hat bereits zu ganz konkreten, messbaren Erfolgen geführt. Ein Beispiel ist die südafrikanische Seehecht-Fischerei. Sie musste das Verenden von Meeresvögeln, die sich in den Schleppseilen verfangen, untersuchen und reduzieren. Die Zahl der verendeten Vögel hat sich in Folge dessen drastisch verringert. Die zertifizierte Schollenfischerei in Holland, Ekofish Group, hat ihre Netze optimiert und dadurch den Beifang und die Einwirkungen auf den Meeresboden enorm gesenkt. Auch die Erholung der neuseeländischen Hokibestände ist mit auf die Auflagen der MSC-Zertifizierung zurückzuführen.

Knapp 8% des weltweiten Fangs an Fisch und Meeresfrüchten wurden bislang nach den Vorgaben des MSC zertifiziert. Vom pazifischen Wildlachs bis zum südafrikanischen Seehecht tragen in Deutschland über 5.000 Produkte das blaue Siegel mit dem stilisierten Fisch. In Österreich sind es knapp 1.000 und in der Schweiz fast 800.

Fischer beim Netze flicken
Fischer beim Netze flicken

Was ist Nachhaltigkeit?

Claus Ubl vom Deutschen Fischerei-Verband hat die Antwort:

Wir verstehen unter Nachhaltigkeit, dass man die drei Säulen der Nachhaltigkeit (ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit) gleichberechtigt betrachtet. In der öffentlichen Diskussion wird meistens nur die ökologische Säule diskutiert.

Bei der Wildfischerei handelt es sich um ein aus der Natur entnommenes, unverändertes Naturprodukt. Hier spielen die Fragen der Bestandsbewirtschaftung in Bezug auf die Nachhaltigkeit eine große Rolle. Wir richten uns dabei danach, was in der Wissenschaft Konsens ist, und das ist in diesem Fall die Meinung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES). Ein Bestand wird demnach dann nachhaltig gemanagt, wenn er nach dem Prinzip des höchstmöglichen Dauerertrags (msy – maximum sustainable yield) befischt wird. Im Nordostatlantik ist der Anteil dieser nach msy bewirtschafteten Bestände von 6% (2005) auf 53% (2012) angewachsen. Die Nachhaltigkeitswende in der Fischerei läuft.

Bei der Aquakultur wird die Produktqualität durch den Erzeugungsprozess gesteuert. In der Hauptsache beeinflussen Futter und Wasser die Qualität der Produkte. Nachhaltigkeit in der Aquakultur muss demzufolge anders definiert werden. Hier entwickelt gerade der Aquaculture Stewardship Council (ASC) Kriterien, die einen Standard für eine nachhaltige Aquakultur bilden könnten. Dabei geht es unter anderem um die Erhaltung der natürlichen (Wasser-)Ressourcen und der biologischen Vielfalt, um den Umgang mit Futtermitteln, die Tiergesundheit, aber auch um soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen.

Trawler
Trawler

 


MYTHEN

Die häufigsten Mythen rund um den Fischfang

  • Die Meere sind leer gefischt, genutzte Fischarten sterben aus. Dies ist ein besonders hartnäckiger Mythos. Tatsächlich sind genutzte Meeresfischbestände mit den heutigen Methoden glücklicherweise nicht an den Rand der Ausrottung zu bringen – die Wissenschaft meint „kommerziell nicht mehr sinnvoll nutzbar“, wenn sie von kollabierten Beständen spricht. Der Ertrag von Fisch aus dem Meer liegt seit vielen Jahren stabil bei knapp 90 Mio. Tonnen im Jahr, und vielen Fischbeständen geht es inzwischen erheblich besser als noch vor wenigen Jahren. Natürlich muss die Übernutzung jedes einzelnen Bestands gestoppt werden.
  • Nur Fische essen, die einmal gelaicht haben, keine kleinen Fische essen. Kleine Fische, die zum ersten Mal Nachwuchs produzieren, tragen viel weniger zum Bestandsaufbau bei als alte, große Fische. Ein 8 Jahre alter Kabeljau produziert z.B. 600mal mehr Eier als ein 3 Jahre alter Erstlaicher, obwohl beide erwachsen sind. Wenn es uns also gelingt, den einen großen Fisch zu schützen, können wir dafür bedenkenlos mehrere kleine Fische essen, egal ob die schon einmal gelaicht haben oder nicht. Wichtig ist also nur der Fischereidruck insgesamt.
  • Nur ein jungfräulicher Bestand ist wirklich gut. Ein unbefischter Bestand ist wenig produktiv, weil sich die vielen dann vorhandenen Fische die Nahrung wegfressen oder erwachsene Tiere sogar ihre eigenen Nachkommen jagen. Ein Fischbestand ist dann am produktivsten, wenn er nur noch 35-70% der jungfräulichen Biomasse aufweist. Natürlich muss sichergestellt sein, dass auch für andere „Nutzer“ wie Seevögel genügend Nahrung übrig bleibt.
  • Das Meer gibt nicht genügend Fisch für alle her. Natürlich hat nicht jeder Mensch auf der Welt den gleichen Zugang zu Meeresfisch. Für den europäischen Markt wird auch weiterhin genügend Fisch vorhanden sein, und die Fangmenge kann weltweit noch erheblich steigen, wenn wir die Bestände besser bewirtschaften, also die Überfischung beenden. Es muss also niemand auf Fisch verzichten.

www.msc.org

 

Bilder © MSC; Fisch-Informationszentrum e. V.; Thomas Ruhl

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