Ihringer Winklerberg

Drinks Reise

Silvaner, mon amour

Der Anfang dieser sehr persönlichen Liebesgeschichte liegt nunmehr ziemlich genau 20 Jahre zurück, als der fränkische Silvaner der heutigen Prägung seine Wiedergeburt erlebt hat. Otto Geisel ergründet, was sich seitdem getan hat.

Franken und der Silvaner, das ist wie die Piemonteser Hügellandschaft Langhe rund um Alba und der anspruchsvolle Nebbiolo, eine der vielleicht glücklichsten Verbindungen, welche die Weinwelt heute zu bieten hat. Und eben weil es sich hier um echte Idealpartnerschaften handelt, gibt es auch weinweltweit gesehen keine wirklich große Konkurrenz. Selbstverständlich darf man die herrlich süffigen Rheinhessen-Silvaner nicht unerwähnt lassen, ganz bestimmt auch nicht die Silvanergemeinde Ihringen am Kaiserstuhl mit einigen sehr saftigen und beeindruckend kraftstrotzenden Exemplaren vom Winzer Urgestein Joachim Heger.

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Aber was Franken an Facettenreichtum und pfiffiger Umsetzung durch die ganz großen Weingüter wie das exzellente Juliusspital in Würzburg oder die vielen hervorragenden Familienbetriebe wie die Störrleins aus Randersacker hier hervorbringt, ist und bleibt weltweit einfach unerreicht.

Heute, zu Zeiten einer Hochküche, die scheinbar selbst nicht immer weiß, wohin sie sich entwickeln soll, und sich leider allzu oft mehr über die Komplikation der Kreation als über die Klarheit des Geschmackes definiert und dabei nebenbei zu vergessen scheint, was zumindest für Joël Robuchon, Frédy Girardet und Philippe Rochat das Credo großer Küche war, nämlich nie mehr als drei Aromen auf einem Teller zu vereinen, ist vielleicht ein ehrliches fränkisches Vesper eine wohltuende Abwechslung. Vor rund 20 Jahren allerdings empfand man dies so noch nicht.

Und so war damals die geläufige Bezeichnung „Vesperwein“ für den Silvaner alles andere als eine Wertschätzung oder gar Liebkosung, wohl eher mehr ein Bannfluch für junge Weininteressierte, der damals vom jungen Senkrechtstarter Horst Sauer durchbrochen wurde.

Mehr Weingärtner als Techniker, so verstehen sich Vater Horst und Tochter Sandra selbstredend als beschützende Begleiter der altehrwürdigen – hier in Franken erstmals vor rund 350 Jahren erwähnten – Rebsorte. Nur so scheint es auch möglich, Jahr für Jahr den Facettenreichtum von bis zu 10 Varianten aus der Paradelage Lump im spektakulären, fast turmähnlich am Weinberg hochgebauten Weingut der Familie Horst Sauer zu präsentieren. Beginnend mit den trockenen Varianten Kabinett, Spätlese, Auslese (heute GG), Sehnsucht plus Spielart „Blauer Silvaner“ und den edelsüßen Gewächsen Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese, Eiswein, aktuell komplettiert um den Ausnahmewein “Es ist, wie es ist“.

Silvaner, Foodizm
Silvaner-Weintrauben

Den früher völlig unerotisch, aber leider meist zutreffend mit „erdig“ umschriebenen Silvaner-Typus gibt es heute gottlob so gut wie nicht mehr. Es hat sich dabei wohl auch die Erkenntnis, analog zu den roten Prestigegewächsen aus Bordeaux, die heute auch nicht mehr, wie einst von Weinzahn-Generationen beschworen, nach Pferdeschweiß riechen müssen, durchgesetzt, dass mittels weniger Handkniffe der Silvaner sowohl mit barocker Struktur als auch filigran und mit diskretem Bukett begeistern »
« kann. Dies wiederum ist das Verdienst einer jungen Winzergeneration, die offensichtlich allergrößte Freude an der geschmacklichen Vielfalt dieser Traditionsrebsorte hat, die sich so gar nicht auf eine Stilrichtung einschränken lässt. Hier nun exemplarisch für diese Genussvielfalt vier Erzeuger, allesamt mit ausgeprägter eigener Handschrift.

Jürgen Hofmann – der Zurückhaltende in Röttingen

Nicht einmal 10 Jahre hat der hochtalentierte Jürgen Hofmann benötigt, um die Röttinger Lage Feuerstein im Taubertal zu einem Meilenstein des fränkischen Weinbaus und weit über dieses Gebiet hinaus zu machen.

Die Basis des elterlichen Betriebes war und ist immer schon eine wirklich empfehlenswerte Besenwirtschaft, wo noch vor rund 10 Jahren die Hofmann’schen Weine fast exklusiv ausgeschenkt wurden. Heute stehen sie auf den besten Weinkarten von Berlin bis München, sogar einige Sterne-Restaurants in Italien haben sie gelistet.

Die hervorragende Röttinger Lage bringt hier meisterlich interpretiert feinnervige und langlebige Silvaner hervor, besonders die trockene Spätlese braucht mindestens zwei bis drei Jahre Reifezeit, bevor sie überhaupt erst ansatzweise zeigt was in ihr steckt. Es ist nicht ganz klar zu ermitteln, ob dieses langfristige Denken und Tun nunmehr Jürgen Hofmanns Vorbild und Lehrmeister Paul Fürst, Frankens Pinot Noir Magier, oder den quarzhaltigen Böden im Feuerstein zugeschrieben werden kann. Fakt ist, dass hier im südlichsten Zipfel Weinfrankens enorm elegant-diskrete Silvaner produziert werden, die überhaupt gar nichts mehr mit dem ehemals „erdigen“ Typus zu tun haben und trotzdem ihre Herkunft und Eigenart nicht verleugnen.

Tauberschwarz, Hofmann, Ršttingen

Christian Stahl – die Offensive aus Auernhofen

Der modernste und radikalste Angriff auf das antiquierte Silvanerbild kommt wohl aus einem Weiler, kurz hinter Rothenburg, wo man fast verzweifelt nach Reben Ausschau hält. Nichtsdestotrotz liegt hier der vielleicht außergewöhnlichste Winzerhof Frankens, der sowohl mit einer Besenwirtschaft wie aus dem Bilderbuch und als veritable Event-Location mit überraschender, innovativer Küche zu überzeugen weiß.

Der Familienname Stahl ist Programm und so differenziert man hier das Sortiment nicht über Lage und Prädikat, sondern über die unterschiedlichen Qualitäten in der Metallverarbeitung wie Edel- oder Damaszener Stahl. Die Spitze bei den sehr saftig und auch schon früh genussbereiten Silvanern stellt Jahr für Jahr der trockene „Best of“, eine Traubenselektion aus den besten Lagen dieses so ungewöhnlichen wie hervorragenden Weingutes dar.

Ein aktuell verkosteter 2009er beweist mittels wunderbar balancierter Frucht und trotz des heißen Jahres noch großer Frische, dass auch hier der Silvaner bestes Reifepotential besitzt.

Rainer Sauer – Ernsthaftigkeit in Escherndorf

Die Silvaner von diesem VDP-Weingut sind geprägt von großer Ernsthaftigkeit und wirken in der Jugend manchmal etwas widerspenstig und sperrig. Auch wenn diese rein subjektive Empfindung sich auf den ersten Blick nicht positiv liest, ist sie auf jeden Fall ein bestechender Beleg für die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten dieser Rebsorte. In Blindproben überzeugt immer wieder, wie die Weine von Rainer Sauer in kurzer Zeit, also schon während der Verkostung, an Statur zulegen und sich regelmäßig an die Gebietsspitze punkten. Ist es die schiere Kraft oder die enorme Komplexität bei gleichzeitiger Gefasstheit in der Aromatik, die diese großen Gewächse – und damit sind freilich nicht nur die GGs gemeint – auszeichnet?

Sicher ist jedenfalls, dass es Rainer Sauer erfolgreich gelungen ist eine weitere absolut eigenständige und wiedererkennbare Handschrift zu entwickeln, wofür man ihm als Weinfreund nur Respekt und Dankbarkeit zollen kann.

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Weingut Bickel-Stumpf – jugendliche Frische am Main

Das „kleine Weingut mit vielen Steillagen“ wird heute in der zweiten Generation von den Geschwistern Melanie und Matthias Stumpf geführt und ist eine starke Säule des jungen VDP.

Die Silvaner von zwei deutlich zu unterscheidenden Terroirs, Buntsandstein in Thüngersheim und Muschelkalk in Frickenhausen mit dem Kapellenberg als „Erste Lage“ und dem „Großen Gewächs“ Mönchshof, sind allesamt von großer Frische und Herzhaftigkeit geprägt, was sie als Essensbegleiter, natürlich auch zu einem guten fränkischen Vesper, geradezu prädestiniert. Perfekt lassen sie sich mit der so wunderbar typischen Räucheraromatik von fränkischem Schinken und Wurstwaren kombinieren, dem Gegenteil von dem, was man heute unter einer mediterran geprägten Geschmackswelt verstehen mag. Der Wohlfühlfaktor allerdings ist mit Sicherheit der selbe und dazu wird die Weinseele hier noch etwas liebevoller gestreichelt als von den allermeisten, oft recht neutral und ohne Spannung wirkenden weißen Mittelmeerweinchen. Echtes Dolce Vita am Main!

Winzer Sommerach – die Genuss-Genossen

Dieser fränkische Vorzeigebetrieb lässt den hohen Anspruch an sich selbst bereits bei den Bezeichnungen und an der hochwertigen Ausstattung der Flaschen erkennen. „Supremus“ heißt hier die trockene Spätlese, die sich in der 2012er Edition entsprechend ihrer noblen Herkunft, der über tausend Jahre alten „Grand Cru“-Lage „Wilm“, wie dieses Gewann im Sommeracher Katzenkopf genannt wird, barock ausladend und gewaltig komplex definiert. »

« Der nicht weniger attraktive, fränkisch trocken ausgebaute 2012er „Weinreich Eins“ Silvaner macht vom ersten Schluck an Lust auf mehr, ist durch Holzeinsatz durchaus von markanter Kontur, dabei schmeichelnd mit feiner Apfel- und Birnenaromatik sowie süffig elegant und eignet sich somit nicht nur als wunderbarer Essensbegleiter, sondern auch als anspruchsvoller Solist für einen guten Moment des Innehaltens und des Genießens.

Herrlich duftig und schon wunderbar entwickelt zeigt sich jetzt bereits der trockene 2013er Kabinett vom Hausweinberg Sommeracher Katzenkopf und macht unaufdringlich, aber doch spürbar selbstbewusst deutlich was Genossen, wenn sie sich klug auf ihren ursprünglichen Wortstamm, den Genuss, besinnen, zu leisten in der Lage sind.

Rudolf May – Kalkdefinition in Retzstadt

„Recis“ heißt der Qualitätsbegriff dieses sympathischen, erst 1999 nördlich von Würzburg gegründeten Familienbetriebes und leitet sich ab von der dörflichen Ursprungsbezeichnung „Recisstadt“, was mit „zurückgeschnitten“, also reduziertem Anbau, übersetzt werden kann. So handelt es sich auch bei dem Silvaner „1963“ mit der goldenen Aufschrift „Recis“ aus dem aktuellen Jahrgang 2013 um einen wirklich bestechend ausdrucksstarken Wein von nunmehr 50 Jahre alten Reben aus der Retzstadter Lage „Langenberg“. Ein weiterer beeindruckender „Recis“ wächst im 60% steilen Thüngersheimer Johannisberg auf reinem Muschelkalk und auch hier handelt es sich beim 2013er um ein prächtiges Kraftbündel mit viel geschmacklichem Nerv.

Der Muschelkalk unterstreicht die Handschrift dieses zu zwei Drittel mit Silvaner bestockten Gutes. Rudolf May verzichtet bei seinen Gewächsen generell auf Prädikatsbezeichnungen, auch die Lagennamen stehen lediglich auf dem Konteretikett und damit im Hintergrund. Immens wichtig ist ihm, die Beschaffenheit der Böden in den Vordergrund zu stellen, und so differenziert er zwischen „Kalkmineral“ für skelettreichen Untergrund mit fruchtbetonten Gewächsen und „Wellenkalk“ für tiefgründigere Weine, was im Jahrgang 2013 auch besonders gut gelungen ist.

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